Die Raiffeisenbank Ersingen ist eine Genossenschaftsbank mit einer Bilanzsumme von ca. 110 Mio. Euro. Die Bank wird sehr erfolgreich von Anette Waidelich und Kristin Sauter im Vorstand geführt. 13 engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern sich um die Anliegen der 3.300 Kundinnen und Kunden und der 1.600 Mitglieder. Das Geschäftsgebiet der Raiffeisenbank Ersingen liegt in Baden-Württemberg zwischen Karlsruhe und Pforzheim. Der Medienbeauftragte unserer IG, Mathias Gerstner, führte am Jahresanfang ein spannendes Gespräch mit den beiden Damen.
Frau Waidelich, Frau Sauter, Sie führen gemeinsam die Raiffeisenbank Ersingen. Die Branche der Genossenschaftsbanken ist immer noch stark männlich geprägt. Was hat Sie persönlich motiviert, Verantwortung im Vorstand zu übernehmen?
Anette Weidelich: Meine Motivation war, einen Beruf auszuüben, in welchem ich Gestaltungsspielraum habe. Außerdem war und ist es mir wichtig, in meinem Heimatort eine Bank zu erhalten, in welcher Entscheidungen schnell und unbürokratisch gefällt werden.
Kristin Sauter: Mir war bzw. ist es wichtig, die Bank mitzugestalten und dennoch im laufenden Geschäft tätig sein zu können. Unser großes Ziel ist es, die Selbständigkeit zu erhalten, solange es wirtschaftlich möglich und sinnvoll ist. Außerdem empfinde ich die Arbeit in einem kleinen Team als sehr angenehm.
Die Raiffeisenbank Ersingen eG ist eine vergleichsweise kleine Bank. Welche besonderen Stärken haben kleine und mittlere Genossenschaftsbanken aus Ihrer Sicht gegenüber großen Instituten?
Eine der Stärken kleiner und mittlerer Banken sind die kurzen Wege, welche schnelle und trotzdem qualifizierte Entscheidungen ermöglichen. Positiv herauszuheben ist auch die Tatsache, dass nahezu alle Kunden bei den Entscheidungsträgern persönlich bekannt sind und somit Entscheidungen nicht ausschließlich nach Zahlen und Ratings getroffen werden. Der enge Kontakt zwischen der örtlichen Bank, den vorhandenen Vereinen und Institutionen sowie nahezu aller Einwohner stärkt die Gemeinschaft und das soziale Miteinander in der gesamten Kommune.
Sie sind beide Vorstände einer Bank, die zur Interessengemeinschaft kleiner und mittlerer Genossenschaftsbanken gehört. Warum ist gerade dieser Zusammenschluss für die Zukunftsfähigkeit kleiner Banken so wichtig?
Wir als kleine Bank sind sehr dankbar, dass die IG entstanden ist, da sie viele Stimmen bündelt und somit Sprachrohr für die Mitglieder ist. Einer einzelnen kleinen Bank wäre es nicht möglich, Veränderungen z.B. bei Erlösverteilungen oder Kostenstrukturen innerhalb der genossenschaftlichen Finanzgruppe zu erreichen. Die IG konnte als Vertreter der kleinen und mittleren Banken bisher schon viel Positives bewirken. Wir hoffen, dass dies auch in Zukunft so bleibt und wir unter anderem durch diese Unterstützung unsere Selbständigkeit beibehalten können.
Zwei Frauen an der Spitze einer Bank sind noch immer eine Besonderheit. Welche Erfahrungen haben Sie als weibliche Führungskräfte gemacht – und sehen Sie Unterschiede in Führungsstil oder Entscheidungsprozessen?
Die Spitze einer Bank sollte immer unabhängig vom Geschlecht besetzt werden. Der/die beste Bewerber-in sollte, egal ob männlich oder weiblich, berücksichtigt werden. Wichtig sind insbesondere das gegenseitige Vertrauen und die Fairness. Wir haben in diesem Bereich in der mittlerweile rund dreijährigen Zusammenarbeit beste Erfahrungen gemacht. Vermutlich sind sowohl der Führungsstiel als auch die Entscheidungsprozesse bei zwei Frauen im Vorstand oftmals gefühlvoller, aber sowohl für Frauen als auch Männer im Vorstand gilt, dass das Unternehmen erfolgreich sein muss. Die Meinung unserer Mitarbeiter und Aufsichtsräte, egal ob männlich oder weiblich, sind uns in vielen Situationen sehr wichtig. Sicherlich profitiert die Bank am meisten von einem ausgeglichenen Miteinander.
Kritiker behaupten manchmal, kleine Banken hätten es in Zeiten von Regulierung, Digitalisierung und Wettbewerb schwer. Was entgegnen Sie diesen Stimmen aus Ihrer täglichen Praxis?
Diesen Kritikern müssen wir leider zustimmen. Aber die gleiche Aussage gilbt auch für große Banken. Für uns als kleines Haus sehen wir insbesondere Vorteile im Wettbewerb. Durch die zahlreichen persönlichen Kontakte besteht eine enorme Loyalität der Kunden. Hierdurch lassen sich viele unverständliche, jedoch gesetzlich vorgegebene Maßnahmen durch unsere Kundenberater einfacher umsetzen als durch unbekannte Mitarbeiter in Call Centern. Geforderte Mindeststandards in der Digitalisierung und Regulatorik sind für uns ein großes Problem, aber dieser Herausforderung stellen wir uns.
Wie gelingt es Ihnen, Tradition und genossenschaftliche Werte mit modernen Anforderungen wie Digitalisierung und Zukunftsstrategien zu verbinden?
Alte Traditionen und genossenschaftliche Werte stehen bei uns laufend auf dem Prüfstand und werden nicht einfach übernommen. Es ist uns wichtig, positive Werte der Vergangenheit auch in der Gegenwart und Zukunft zu leben und auch weiterzuentwickeln, sofern sie sinnvoll sind. Tugenden wie Fairness, Gemeinschaft und Loyalität werden trotz aller Anforderungen der Digitalisierung Bestand haben. Für uns ist die Digitalisierung nicht mehr wegzudenken, trotzdem sind wir bedacht, dass soziale Miteinander nicht zu vernachlässigen.
Was möchten Sie jungen Frauen – aber auch generell dem Nachwuchs – mitgeben, die sich eine Karriere in der genossenschaftlichen Bankenwelt vorstellen können, vielleicht sogar mit dem Ziel einer Vorstandsposition?
Generell möchten wir dem Nachwuchs, egal ob männlich oder weiblich, mitgeben, dass man mit Fleiß, Einsatzfreude und Zielstrebigkeit viel erreichen kann.
Anmerkung Anette Waidelich: Ich habe es in der Raiffeisenbank Ersingen von der Ferienjobberin bis zur Vorstandsvorsitzenden gebracht und konnte meinen Beruf stets mit meiner Familie (Ehemann und Sohn) in Einklang bringen.
Insbesondere jungen Frauen möchten wir sagen: bleibt hartnäckig im Streben nach oben. Unternehmen werden lernen, dass Frauen in Führungspositionen genauso wertvoll und wichtig sind, wie Männer.
Vielen Dank Frau Waidelich und Frau Sauter für das offene und interessante Gespräch.


