Die Raiffeisenbank Tüngental eG: Klein, eigenständig und überzeugend genossenschaftlich
Die Raiffeisenbank Tüngental eG im Schwäbisch Haller Stadtteil Tüngental ist seit den Anfangsjahren Mitglied unserer Interessengemeinschaft kleiner und mittlerer Genossenschaftsbanken und steht seit Jahrzehnten für gelebte Genossenschaftlichkeit, persönliche Beratung und kurze Entscheidungswege. Trotz ihrer überschaubaren Größe behauptet sich die Bank erfolgreich zwischen großen regionalen Kreditinstituten. Mit rund 75 Millionen Euro Bilanzsumme sowie einem kleinen, engagierten Team bleibt sie bewusst eigenständig.
Geprägt wird die Bank von ihrem Vorstand Andreas Stein, der seit 1982 hauptamtlich im Amt ist. Mit inzwischen 44 Jahren Vorstandstätigkeit gilt er als europaweit am längsten amtierender Bankvorstand. Bereits mit 24 Jahren wurde Stein Deutschlands jüngster Bank-Chef. Für ihn steht nicht der Vertrieb, sondern die Förderung der Mitglieder im Mittelpunkt. „In unserer Satzung heißt es klar: Wir fördern unsere Mitglieder. Das Mitglied steht an erster Stelle – nicht Verkaufsziele“, betont Stein. Diese Haltung unterstrich er auch in einem Schreiben im Januar 2026 an den Bundessprecher der Interessengemeinschaft kleiner und mittlerer Genossenschaftsbanken e. V., Hendrik Freund, in dem er kritisierte, dass auf vielen Podien die Perspektive wirklich kleiner Banken fehle.
Bereits bei Podiumsdiskussionen an der Universität Münster in den Jahren 2016 und 2017 machte Andreas Stein deutlich, dass genossenschaftlicher Erfolg nicht von Größe, sondern von Haltung abhängt. Dies bestätigt er im aktuellen Gespräch mit der IG.
Sie sind seit über 44 Jahren Vorstand einer kleinen Raiffeisenbank. Was hat Sie all die Jahre an dieser Aufgabe fasziniert und gehalten?
Das wir als kleine Raiffeisenbank oder ich als Vorstand gegen den Trend (Fusionswellen) uns am rauen Bankenmarkt behaupten konnten und heute noch können. Das große Geheimnis ist die Tiefe der Kundennähe, die keine große Bank mehr erreichen kann. Tiefe der Kundennähe heißt, ich sitze seit Jahren bei der Familie in der Küche oder Wohnzimmer und kenne alle Familienmitglieder. Ich kenne die Oma, Opa, Kinder, Enkel, Tanten und Onkels. Dadurch entsteht ein unwahrscheinliches Vertrauen. Ich bin in der ganzen Familie der „Privatsekretär“. In meinem Beruf macht es mir riesige Freude den Familien zu helfen und dabei diese Mitglieder zu fördern, wie es in unserer Satzung steht. Und das schon seit 44 Jahren als hauptamtlicher Vorstand.
Nur mit einer kleinen Raiffeisenbank ist dies noch möglich. Der Kunde steht an 1. Stelle und dann erst die Raiffeisenbank. Bei großen Banken steht die Bank an 1. Stelle und der Kunde (das Mitglied) ist mittlerweile Mittel zum Zweck. Die Gewinnmaximierung durch Zielvorgaben beim Verkauf von Bankprodukten (Vertrieb) stehen im Vordergrund. Das Einzige, was hier „vertrieben“ wird ist der Kunde/Mitglied.
Was bedeutet für Sie ganz konkret der Satz aus der Satzung: „Wir fördern unsere Mitglieder“?
Wir fördern unsere Mitglieder wie es in der Satzung verankert ist. Ehrliche Arbeit mit dem Kunden/Mitglied und nicht „Vertrieb“, also Verkauf von Produkten. Das Vertrauen, wie ein Privatsekretär arbeiten zu können und die Tiefe der Kundennähe, ist der Schlüssel zum Erfolg. Auch bei den schnellen sofortigen Entscheidungen bei z.B. Kreditberatungen (das mache ich als Vorstand im Übrigen selber), sind wir unschlagbar. Ein Baufinanzierungsgespräch mit mir als Kreditvorstand dauert maximal 20 Minuten.
Das Geschäftsmodell und die Einstellung der 80er und 90er Jahre leben wir tagtäglich in unserer Arbeit und das lieben die Kunden/Mitglieder. Auch mein Vorstandskollege und unsere zwei sehr kompetente Vollzeitkräfte und die drei Teilzeitkräfte haben die Tiefe der Kundennähe und das Vertrauen zum Kunden. Dies ist unser absolutes Erfolgsrezept.
Viele strategische Entscheidungen werden heute zentral getroffen. Welche Folgen hat das aus Ihrer Sicht für kleine Banken in der Praxis?
Die zentralen Entscheidungen von Verbänden, Bundesbank und Bafin haben direkt mit unserem erfolgreichen Geschäftsmodell – Hilfe zur Selbsthilfe- und dem Umgang mit unseren Kunden/Mitgliedern nichts zu tun. Regulatorik und Bürokratie lassen wir unseren Kunden/Mitglied nicht anmerken.
Sie sagen, dass auf vielen Podien niemand mehr sitzt, der den Alltag einer kleinen Bank kennt. Was geht dadurch verloren?
Es geht dadurch ein sehr erfolgreiches Geschäftsmodell von Friedrich Wilhelm Raiffeisen verloren. Die jungen Generationen kennen solches Arbeiten dann nur noch aus Geschichtsbüchern. Siehe Punkt 1 – 3 meinen Ausführungen. Das sind meine Erfahrungswerte aus 44 Jahren Vorstand mit allen Höhen und Tiefen aus dem Genossenschaftsleben. Die Wurzel des Genossenschaftswesens -Hilfe zur Selbsthilfe und die Satzung im Hintergrund geht verloren.
Ihre Bank entscheidet Kredite oft innerhalb von 20 Minuten. Warum ist Schnelligkeit ein zentraler Bestandteil von echter Kundennähe?
Wenn ich die echte, Tiefe Kundenähe habe, kann ich auch schnelle Kreditentscheidungen treffen. Dies geht auch teilweise sofort am Telefon. Da können die großen Banken nicht mithalten. Da fehlt es bei den großen Banken an Kreditkompetenz vor Ort (zentralisiert in der Hauptstelle) und die Tiefe der Kundennähe/Beziehung.
Was können große Volks- und Raiffeisenbanken Ihrer Meinung nach von kleinen, selbstständigen Instituten lernen?
Da sind die großen Volks- und Raiffeisenbanken mittlerweile zu groß, um dieses wieder zu erreichen, was kleine Banken als Riesenvorteil haben. Als Vorstand einer großen Volks- und Raiffeisenbank würde ich das Schließen von Zweigstellen stoppen, die besten Banker/Innen aus der Hauptstelle in die Zweigstellen verlegen mit Kreditkompetenzen und Konditionskompetenzen ausstatten und diese sehr gut ausgebildeten Angestellten einfach mal frei arbeiten lassen ohne „Zielvorgaben und Vertrieb von Produkten“.
Ohne diese Zwänge kommt mehr Erfolg für die große Bank raus. Gleichzeitig hat die große Bank zufriedenere Kunden/Mitglieder und sehr motivierte Mitarbeiter. Die Tiefe der Kundennähe wächst dann mit der Zufriedenheit beider Seiten (Kunde/Bankberater). Der Trend (Schließung von Zweigstellen/ Zentralisierung der Mitarbeiter in die Hauptstelle) geht aber leider in die falsche Richtung. Weg vom Kunden und keine Kompetenzen in den Zweigstellen vor Ort. Somit entstehen keine Kundennähe und Vertrauen.
Wenn Sie heute jungen Bankerinnen und Bankern einen Rat geben müssten: Was macht eine gute Genossenschaftsbank wirklich aus?
Die jungen Banker und Bankerinnen tun mir leid. Sie sind top ausgebildet und müssen nach Zielvorgaben – Vertrieb/Verkauf von Produkten machen. Ihr Traum vom Banker/Innen Leben ist es aber frei am Kunden/Mitglied zu sein und zu „ beraten“ und die Kunden zu „fördern“. Sie möchten das Gefühl haben, dass der Kunde/Mitglied sie brauchen und das ein gutes Vertrauen aufgebaut wird.
Die Realität ist aber keine ausreichenden Kompetenzen für die Berater zu haben und Zielvorgaben von der Bank. Dadurch wachsen keine Genossenschaftsbanker/Innen wie es in der Satzung (Förderung der Mitglieder und Hilfe zur Selbsthilfe) steht heran. Das muss gelernt werden und dadurch im Blut haben. Da sind die Banken heute viel zu groß, um das wieder zu erreichen. Der Zug ist, durch die teils sinnlosen Fusionen in den 80er und 90 er Jahren, abgefahren und kommt nie wieder. Die erfolgreichen dezentralen genossenschaftlichen Strukturen wurden dabei auch mit Hilfe der Verbände zerstört.
In einem Interview mit dem BWGV im Jahr 2017 haben Sie gesagt, dass die Raiffeisenbank Tüngental auch in 10 Jahren noch selbständig sein wird. Im nächsten Jahr sind die 10 Jahre vorbei und die Raiffeisenbank Tüngental gibt es immer noch. Was ist Ihre Prognose für die nächsten 10 Jahre?
Meine Prognose ist, dass es die Raiffeisenbank Tüngental eG noch in 100 Jahren geben wird. Unser Geschäftsmodell – Hilfe zur Selbsthilfe- mit unserer Tiefe der Kundennähe ist einmalig und aktueller denn je. In der heutigen unsicheren, schlechten Zeit brauchen unsere Kunden/Mitglieder die Raiffeisenbank Tüngental als sicherer Anker und Ansprechpartner für alle Situationen und Lebenslagen. In schlechten Zeiten wurde anno 1900 vor 126 Jahren unsere Raiffeisenbank Tüngental gegründet. Da ist es doch selbstverständlich auch heute in unsicheren Zeiten nach unserer Satzung für unsere Mitglieder/Kunden da zu sein. Wer weiß, was noch alles kommt. Grundlage für die nächsten 100 Jahre ist auch ein risikoloses Kreditgeschäft mit einem ausreichenden Betriebsergebnis. Die Aussagen der Mitglieder auf der Generalversammlung „schön, dass es euch gibt“ macht eine Freude und Glückl


